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Dienstag, 7. Februar 2017

Kurzgeschichte "Wenn man träumt"

Sie fühlt sich wie eine Flucht an, wenn man träumt, dachte Katharina. Das sanfte Schaukeln des Waggons in der S-Bahn ließ ihre Gedanken schweifen. Katharina dachte in letzter Zeit viel über die Zeit nach. Der Spruch „zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein“ ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Heute war es soweit. Noch zehn Minuten würde sie in dem Zug sitzen, dann müsste sie dort hin gehen und es einfach tun. Katharina genoss die Klimaanlage, die an diesem heißen Sommertag still ihren Dienst verrichtete.
Endlich war sie in Werden angekommen. Sie lief mit einer inneren Vorfreude im Bauch zur Bushaltestelle. Sie hatte das Gefühl innerlich zu glühen. Wie lange hatte sie auf diesen Moment gewartet. Wie lange hatte man sie ausgelacht. Wie lange hatte sie sich darüber hinweg gesetzt. Und vor allem: Wie lange hatte sie gewartet, um endlich das zu tun, wovon sie schon als Mädchen träumte. In ihrem knallpinken Rucksack hatte sie ihre Klamotten eingepackt und ihre neuen schwarzen Schuhe. Sie hatte gezögert, sie zu kaufen, doch sie wollte ihr Bestes geben.
Katharina stieg in den Bus ein. Sie grinste den Busfahrer an und bezahlte die Busfahrt. Die Münzen klimperten. Sie bekam nur noch einen Stehplatz. Mit einem festen Griff umklammerte sie die Stange. Sie richtete sich auf, um in den Kampf zu ziehen. In acht Minuten müsste sie aussteigen und dann das Gebäude, das sie bisher nur aus dem Internet kannte, betreten. Ihr Magen gurgelte. Sie überlegte, ob sie vielleicht doch Baldrian hätte nehmen sollen. So eine Prüfung ist nichts für schwache Nerven. Sie durchwühlte ihren Rucksack, aber sie hatte nichts einstecken. Sie fluchte. Da kam die Durchsage „Klemensborn“. Ganz schnell setzte sie wieder ihren Rucksack auf und hüpfte aus dem Bus.
Keine zehn Minuten später stand sie vor dem Saal, den man ihr in der Einladung genannt hatte. Eine hohe, dunkelbraune Doppel-Holztür gab noch nicht preis, was auf Katharina wartete. Katharina blickte auf ihre Armbanduhr. Jeden Moment müsste die Tür aufgehen. Und dann, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit der Welt, öffnete sich die Tür und eine schlanke, zierliche Frauengestalt mit einer blonden Hochsteckfrisur und undefinierbarem Alter rief ihren Namen auf. „Katharina Müller“ schallte es in ihren Ohren. Katharina betrat den Raum. Er war pompöser als sie sich es vorgestellt hatte. Ein herrliches Holzparkett glänzte zu ihren Füßen. An der rechten Wand hingen die obligatorischen Spiegel. Und links saßen drei Menschen, die auf sie warteten. In der Mitte saß eine brünette Frau in Katharinas Alter, mit einer Lesebrille, die auf der Nase heruntergerutscht war. Sie bat Katharina sich im rechten Nebenraum umzuziehen. Katharina schritt wie in Trance in diesen Raum und zwängte sich in die schwarze Stretchhose. Sie wurde sich ihres Übergewichtes wieder bewusst. Aber schwarz macht doch schlank, sagte sie sich zur Beruhigung. Sie atmete einmal tief durch, dann wechselte sie das T-Shirt. Beige war ihre Lieblingsfarbe. Sie ergänzte sich gut zu ihren dunkelbraunen Haaren. Sie machte sich einen Pferdeschwanz und schließlich band sie sich die Schuhe zu. Schon beim Laufen merkte sie, dass die Schuhe gut am Boden hafteten. Und dann ging sie in den großen Saal und begann das zu machen, was sie seit Monaten übte. Sie tanzte und das mit ganzem Herzen. Es war ihr Traum und das wollte sie die Jury wissen lassen.
Links und rechts neben der brünetten Juryfrau saßen zwei Männer. Einer hatte graue kurze Haare und war komplett in schwarzer Tanzkleidung gekleidet. Er wirkte athletisch. Der andere Mann hatte schwarze Rastalocken, eine dunkle Hautfarbe und schaute besonders ernst.
Katharina war nach dem Tanzen viel nervöser. Sie musste aber nicht lange warten. Die Frau ergriff als erstes das Wort. Katharina entzifferte den Namen „Siebenhaar“ auf dem kleinen Schild auf dem Tisch. „Frau Müller, wir brauchen noch ein paar Infos zu Ihrer Person.“ Der junge Rastalocken-Mann sprach weiter. „Warum tanzen Sie?“ Katharina holte tief Luft. „Weil es mir Spaß macht.“ Im gleichen Moment bereute sie ihre Antwort. Die Antwort war so nichtssagend. Sie wollte sie korrigieren, aber der Rastalocken-Mann redete sofort weiter. „Es gibt viele Dinge, die Spaß machen, trotzdem will man sie nicht studieren.“ Was sollte sie nur darauf antworten? Sie hörte sich sagen: „Schon als kleines Mädchen wollte ich tanzen.“ Eine große Stirnfalte bildete sich beim Rastalocken-Mann. „Ich will wissen, was sie bewegt, mit 50 Tanz zu studieren.“ Da war die Bombe geplatzt. Ihr Alter war doch ein Thema. Sie stammelte. „Ich will das, deswegen mache ich das.“ Nun mischte sich der Grauhaarige ein. „Können Sie das nicht genauer beschreiben? Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie tanzen?“ Katharina senkte leicht den Kopf. „Ich bin dann ich. Das ist, was ich fühle.“ Ein Schmunzeln huschte über das Gesicht des Grauhaarigen. Die Gesichter von Frau Siebenhaar und dem Rastalocken-Mann blieben ernst. Frau Siebenhaar mischte sich ein. „Frau Müller, Sie wissen schon, dass wir nur die Besten nehmen?“ Katharina nickte. „Ja.“ war alles, was ihr einfiel. Frau Siebehaar blickte auf ihre Uhr. „Wir müssen uns besprechen. Wenn Sie solange draußen warten würden.“ Die zierliche Frau erschien wieder und geleitete Katharina nach draußen. Übelkeit breitete sich in ihrem Körper aus. Was, wenn sie nicht gut genug war? Was, wenn das monatelange Üben des Improvisationstanzes keine Früchte zeigen würde? Ihre Tanzlehrerin machte ihr beim Üben sehr viel Mut. Sie meinte, sie wäre zwar ein wenig mollig, aber beim Tanzen wäre sie so gut, dass der Zuschauer es glatt vergessen würde. Ihr Ausdruck wäre einmalig. Aber was dachte die Jury über sie?
Nach einer Viertelstunde, die gefühlt Stunden betrug, führte die zierliche Frau Katharina wieder hinein. Katharina stellte sich demonstrativ selbstbewusst vor die Jury. Frau Siebenhaars Worte waren allerdings nicht das, was sie erwartete. „Frau Müller, wir haben lange diskutiert. Als erstes: Wir haben gerne zugesehen, aber wir haben das Gefühl, dass Sie Ihren Körper nicht vollkommen im Griff haben. Es heißt nicht, dass Sie keinen Ausdruck hätten. Es ist nur, dass Sie...“ Sie schwieg über diesen Punkt und sah stattdessen zu den ihr zunickenden Männern. Katharina sprach sehr leise. „Bin ich zu alt?“ Frau Siebenhaar rang nach Worten. „Es ist nicht der wesentliche Punkt, aber es könnte einen Zusammenhang geben. Wie gesagt, der Körper ist das Instrument beim Tanzen, das Sie perfekt bedienen sollten. Und ich wiederhole mich ungern, aber wir nehmen nur die Besten. Also muss ich leider Ihnen mitteilen, dass wir Sie nicht aufnehmen können.“ Der Grauhaarige setzte noch hinzu. „Alle Studenten sind zudem wesentlich jünger als Sie. Sie hätten keinen Anschluss.“ Und der Rastalocken-Mann meinte: „Es ist doch ein schönes Hobby.“ Katharina schluckte. „Für mich ist es mehr als ein Hobby. Deswegen will ich es doch studieren.“ Frau Siebenhaar sagte: „Frau Müller, bitte verstehen Sie unser Urteil nicht falsch. Es ist keine Herabwertung Ihrer Person, aber wir müssen an dieser Uni ein gewisses Niveau halten. Es geht um unser Image.“ Katharina stand das Wasser in den Augen. Ganz ohne Vorwarnung fiel sie auf die Knie. Sie bettelte. „Bitte, ich würde alles dafür tun, um Tanz zu studieren.“ Sie blickte zum Grauhaarigen. „Ich würde mich bestimmt anpassen, ganz bestimmt.“ Frau Siebenhaar sah mit Ekel zu Katharina. „Frau Müller, bitte stehen Sie wieder auf.“ Aber Katharina blieb trotz dieser Anweisung kniend sitzen. Sie jammerte. „Sie wissen gar nicht, was mich diese Prüfung an Überwindung gekostet hat.“ Frau Siebenhaar horchte auf. „Überwindung?“ Katharina fuhr fort. „Ja, Überwindung. Ich weiß, dass der Zeitpunkt ungünstig gewählt ist aus Ihrer Sicht, aber aus meiner Sicht ist es der richtige Zeitpunkt. Noch bin ich gelenkig und beweglich. Ich bin topfit. 30 Kilo stemme ich im Sportstudio. Ich habe mir Arme antrainiert, die nicht schwabbelig sind. Ich sitze drei Mal die Woche auf einem Trainingsfahrrad. Meine Beine sind muskulös. Aber der Bauch, ich weiß dieser Bauch ist die Hölle. Aber wenn Sie genau diesen Bauch ausblenden würden aus Ihrer Bewertung, hätte ich gewonnen. Habe ich Recht?“ Und Katharina stand wieder auf. Sie wollte ihren Rucksack nehmen und wieder heimfahren. Die Sache war gelaufen, auch wenn sie die Dinge direkt ansprach.
Da räusperte sich Frau Siebenhaar. „Sie sind ungewöhnlich direkt, Frau Müller. Das schätze ich an Menschen. Ich kann zwar meine Entscheidung revidieren, aber ich weiß nicht, ob Sie damit wirklich glücklich werden.“ Katharina schniefte. „Ich bin nicht auf der Suche nach Glück.“ Der Grauhaarige runzelte seine Stirn. „Den Eindruck haben wir aber von Ihnen. So eine Art Midlife-Crisis.“ Der Rastalocken-Mann ergänzte: „Den Eindruck habe ich auch. Sie wollen sich etwas beweisen. Und das ist kein guter Einstieg.“ Katharina sah einen Strohhalm, nach dem sie griff. „Aber diese jungen Dinger, die wollen sich doch auch etwas beweisen. Was ist falsch daran?“
Frau Siebenhaar strich sich durch die Haare. „Frau Müller, bitte verstehen Sie uns nicht falsch. Irgendwo bewundern wir auch Ihre Pläne, aber es ist die richtige Entscheidung. Irgendwann werden Sie es verstehen.“ Und dann verabschiedete sich Frau Siebenhaar. Der Grauhaarige gab Katharina beim Hinausgehen sogar die Hand und der Rastalocken-Mann lächelte sie an.
Katharina ging mit einer Niederlage im Herzen. Sie saß in dem sanft schaukelnden Waggon der S-Bahn. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um ihren geplatzten Traum. Zeit fühlt sich wie eine Flucht an, wenn man träumt, dachte sie. Und dann dachte sie an die Worte ihrer Tanzlehrerin. Sie fand gut, dass Katharina den Mut hatte, es zu probieren. Katharina grinste. Und dann stand ihr Entschluss fest. Sie würde es nächstes Jahr wieder probieren. Sie würde diese Jury überzeugen. Sie wusste ja jetzt, worauf es ankam. Das wusste sie vorher nicht. Und so träumte sie vor sich hin und spürte die Zeit tief in sich. Sie tickte.

Freitag, 16. Dezember 2016

Kurzgeschichte "Ein Held in Badelatschen"

Ricky hatte einen Geschmack von Leberwurst auf der Zunge, als er den Postboten vom Küchenfenster aus sah. Das Leberwurstbrötchen war ein Geschenk der tätowierten Verkäuferin beim Bäcker, weil es keiner kaufen wollte. Normalerweise mochte er es nicht, wenn jemand Mitleid mit ihm hatte, doch von einer 20jährigen Blondine mit kornblumenblauen Augen ließ er sich es gefallen.
Ricky musste sich beeilen, wenn er den Postboten erwischen wollte. Er steckte seine kleinen, knorrigen nackten Füße in die Flip-Flops, die er sich gestern als Schnäppchen auf dem Wühltisch im Supermarkt ergattert hatte. Sie hatten eine hellblaue Sohle und die Riemchen ergänzten sich ideal in dunkelblau. Es war das letzte Paar in 38. Mit einer älteren Dame hatte er sich einen Schnelligkeitswettbewerb geliefert. Er konnte schneller grapschen. Einen Augenblick später und die ältere Dame hätte sie sich unter den Nagel gerissen. Er spürte, wie gut es ihm tat sich durchzusetzen.
Mit großen Schlürfschritten glitt Ricky in den winzig kleinen Flur, der nur einen Gleitschritt groß war. Er riss die weiße Holztür auf. Es war keine Sekunde zu spät. Der Postbote hielt bereits einen Stapel Briefe in der rechten Hand. "Einen wunderschönen guten Morgen!" flötete er. "Ebenso", knurrte Ricky. Und Ricky starrte auf die linke Hand des Postboten. Ein Werbeprospekt. "Passen Sie mal auf" bellte Ricky. "Wenn Sie mir wieder so ein Ding einfach in meinen Briefkasten schmeißen, ist was los." fügte er mit einem extra bissigen Blick hinzu. Der Postbote blickte auf die gedrungene Gestalt von Ricky, seine fleckigen dunkelbraunen Shorts mit Bundfalten und sein verwaschenes weißes T-Shirt. Ricky verharrte in einer Position wie eine Eidechse, die sich sonnte und nur darauf wartete, dass ein Insekt ihren Weg kreuzte. Kurzum: Der Postbote erschreckte sich und ließ die Briefe fallen. "Sie sind ein schlechter Postbote", grunzte Ricky. Der Postbote bückte sich. Rickys vergilbte, krumm geschnittene Fußnägel erzeugten bei ihm einen Ekel, die zu Fluchtgedanken führten. Als der Postbote die Briefe einzeln mühsam aufgehoben hatte, drückte er Ricky wortlos die Briefe in die Hand. Er schwieg über den einen Brief, der ihm aufgefallen war.

Rickys einzige Klamotten, die er in schwarz besaß, waren ihm zu klein. Er probierte sie vor dem Flurspiegel aus, aber die eine Hose konnte er nur bis über die Knie ziehen und bei der anderen Hose konnte er weder Knopf noch Reißverschluss schließen. Der schwarze Blazer hatte zu kurze Ärmel und der Stoff spannte verdächtig an den Schultern. Es war eine Katastrophe. Er begann sich zu schämen. Er wäre der einzige, der nicht in schwarz hingehen würde.
Barfuß schleichte er in die Küche. Er griff nach der frisch angebrochenen Ouzo-Flasche. Er schüttete sich ein halbes Mineralwasserglas voll ein. Mit einem Schwung spülte er es hinunter. Es brannte im Hals und es tat gut, weil es ein wohliges Gefühl in ihm auslöste.
Mit besserer Laune blickte er auf sein einziges Paar Schuhe und glitt hinein. Er würde auffallen, da war er sich sicher. Aber nun konnte er es ertragen, irgendwie.

Die Beerdigung unterschied sich kaum von denen, die er bisher erlebt hatte. Sein Vater war vor zehn Jahren gestorben, seine Mutter vor neun. Aber dass sein Bruder Dieter schon so früh den Löffel abgeben sollte, hätte er nicht gedacht. Dieter war erst 55. Ein Jungspunt in Rickys Augen. Dieter war sein großer Bruder, der früher alles für ihn erledigte. Dieter war auch ein Gewinner. Er war ein Glückspilz. Alles, was er anpackte, wurde zu Gold. Egal, ob es sein Job war oder seine Frau und seine Familie.
Seine gesamte Familie war anwesend. Und dann überkam Ricky Traurigkeit. Dieter hatte er seit der Beerdigung der Mutter nicht mehr gesehen. Sie hatten sich damals verkracht. Dieter griff Ricky an, er solle sich endlich einen Job suchen und nicht so viel abhängen. Damals begann schon dieses elende Gefühl, das sich bei Ricky immer tiefer fraß. So tief, dass er sein Glück in hochprozentigen Flaschen suchte.
Der Pfarrer hielt die Grabesrede, als würde er einen Hund begraben, fand Ricky. "He, das war mein Bruder und nicht irgendwer.", rief er dem Pfarrer zu. Irgendjemand sagte: "Bitte Ruhe." Ricky blickte suchend um sich und fand ein ihm unbekanntes Gesicht. Eine Frau, Ende 40 mit langen brünetten Haaren und Mittelscheitel in einem schwarzen T-Shirt und schwarzen Leggings. Und neben ihr stand ein Mädchen mit kurzen, schwarzen Locken und braunen Augen. Rickys Blick klebte an dem Mädchen und er schwieg.

Beim Kaffeetrinken unterhielt sich Ricky mit Dieters Freunden Elmar und Fabian. Elmar erzählte Ricky, dass Dieter sich schon vor acht Jahren von seiner Frau Miriam getrennt hatte. Die Kinder, Emily und Max, lebten bei ihr. Fabian berichtete schließlich, dass es eine neue Frau in Dieters Leben gab. Sie wäre auch auf der Beerdigung. Dabei deutete er auf die Frau, die Ricky zum Schweigen aufgefordert hatte. Weder Elmar noch Fabian sprachen Ricky darauf an, dass seine Kleidung überhaupt nicht den üblichen Konventionen entsprach. Dieter hatte sie über Ricky und seine Geldsorgen immer wieder informiert.
"Na, was macht unser Held in Badelatschen?" hallte es in Rickys Ohren, als er zu der Frau sah, mit der sein Bruder zuletzt zusammen war. Elmar und Fabian grinsten zuerst und zogen dann ernste Gesichter, weil sie sich über Ricky nicht lustig machen wollten. Ricky knurrte bedrohlich. Das kleine schwarzlockige Mädchen machte ängstlich einen Schritt zurück. Die unbekannte Frau hielt Ricky die Hand entgegen. "Ich bin Julia.", sagte sie und mit einem Blick zum Mädchen ergänzte. "Und das ist Mia." Sie zögerte, dann ließ sie die Bombe platzen. "Das ist Dieters Tochter."
In Rickys Kopf ging automatisch das Rechenzentrum an, als Julia weitersprach. "Mia ist jetzt 11." Ricky war überrascht, weil sein Bruder stets den Perfekten mimte. Bei ihm lief alles sauber ab. Und nun die Enthüllung des Jahres, wenn nicht sogar des Jahrhunderts.
Elmar und Fabian streckten neugierig ihre Hände Julia entgegen und stellten sich vor. Ricky wollte nicht, also stieß Elmar ihn an. Und ehe Ricky reagieren konnte, griff das kleine Mädchen nach seiner Hand und schüttelte sie. "Hallo" flüsterte sie. Und dann schüttelte Ricky in einem Anflug von Übermut Julias Hand. "Ich bin Dieters Bruder." Das kleine Mädchen strahlte. "Dann bist du mein lustiger Onkel." Mias Blick klebte an seinen nackten Füßen in den blauen Flip-Flops.
Nach einer Stunde Unterhaltung merkte Ricky was ihm schon lange fehlte: Ein paar Leute, mit denen er reden konnte und die ihn so nahmen wie er war. Außerdem erfuhr er, dass Mia seit dem Tod von Dieter nicht mehr in die Schule ging und kein Wort mehr mit ihren Mitschülern redete. Julia meinte, das wäre so eine Phase und der Arzt meinte, in zwei Wochen müsste der Kummer überwunden sein. Mia sah während dieses Gespräches auf den Boden und sagte oft, dass sie nach Hause wollte. Und sie sagte, dass der lustige Onkel doch Papa so ähnlich sehen würde und dass er sie mal besuchen sollte. Julia lachte darüber. Ricky musste aber Mia zum Abschied versprechen, sie zu besuchen. Sie ließ nicht locker.

Zwei Wochen später klingelte Rickys Telefon. Ein leises Schnaufen war zu hören, dann meldete sich Julia. "Ich bin's, Julia. Kannst du dich an mich erinnern?" Er nickte, um dann zu merken, dass er es auch sagen musste. "Ja, aber eines voraus. Ich kann nicht vorbei kommen." Sie unterdrückte ein Weinen. "Ricky, ich brauche aber dringend deine Hilfe. Bitte." Ricky starrte auf die leere Flasche Ouzo, die er seit heute morgen in Angriff genommen hatte. Er war blau. Wie sollte er es Julia verticken? Am anderen Ende hörte er Julia sagen: "Ich gebe dir mal Mia." Dann sprach dieses kleine schwarzgelockte Mädchen mit seiner leisen Stimme. Er musste ganz genau hinhören. "Hier ist Mia, Onkel Ricky. Du musst mir helfen. Mama ist böse auf mich."
Ricky spürte ein dickes, trockenes Kloß in seinem Hals. Er war froh, dass er nicht lallte. Noch ein Glas und wahrscheinlich hätte er seine Stimme nicht mehr unter Kontrolle. Er konzentrierte sich angestrengt. "Weshalb ist denn deine Mama böse?" Mia holte tief Luft. "Ich war nicht in der Schule." Er erinnerte sich an seine glorreiche Schulzeit. Er hasste den Klassenlehrer auf der weiterführenden Schule. Seine Eltern wollten unbedingt, dass er wie Dieter aufs Gymnasium ging. Ricky war genervt. "Aber du willst doch was lernen und schlau werden, oder?" Das war der Spruch von seinem alten Herrn. Mal sehen, ob der bei Mia anschlug. "Onkel Ricky, die sind da alle so komisch. Und ich habe ganz dolle Bauchschmerzen." Ricky überlegte. "Wahrscheinlich sitzt dir morgens ein Furz quer." Mia schwieg. Ricky hielt es nicht aus und fragte: "Was soll ich denn machen, damit du wieder in die Schule gehst?" Er bereute diese Frage sofort. Er biss sich auf die Unterlippe und er ließ ein Stoßgebet los. Aber Mia biss an. "Onkel Ricky, kannst du morgen mitgehen?" Ricky verfluchte sein voreiliges Geschwätz. Der Alkohol löst die Zunge. Es war was dran an diesem Spruch. Mia wartete seine Antwort nicht ab. "Okay, Onkel Ricky, bis morgen um sieben. Bei mir." Es klickte in der Leitung und Ricky knallte das Schnurlose in die Basisstation.
So früh war Ricky schon lange nicht mehr auf den Beinen. Er klingelte an der Hausnummer 28. Das hatte ihm Julia noch mitgeteilt, nachdem Mia einfach aufgelegt hatte. Es kam ihm vor, dass diese beiden Mädels etwas ausheckten. Aber vielleicht trügte ihn sein Instinkt. Er hauchte in seine Hand und roch an seinem Atem. Kein bisschen Alkohol seit zwölf Stunden. Innerlich war er am Vibrieren. Wie sollte er nur ein Kind zur Schule fahren?
Die Tür öffnete sich. Julia strahlte ihn an, als wäre er die Antwort auf alles. Er grunzte kurz. "Wo ist sie?" Julia wirkte nervös. "Im Bett. Sagt, sie hätte Bauchschmerzen." Ricky schlurfte in den Flip-Flops an ihr vorbei. "Wo muss ich hin?" fragte Ricky. "Treppe hoch, zweites Zimmer rechts." Ricky schleppte sich nach oben. Er klopfte ungewohnt sanft an Mias Tür an und trat ein. Mia sah ihn mit einem gequälten Blick an. Eine große Wärmflasche lag auf ihrem Bauch. Sie war bereits fertig angezogen, lag aber trotzdem im Bett. "Onkel Ricky, endlich bist du da." Er schaute sie lange an und sagte. "Na, dann können wir ja los." Er ging mit keinem Satz auf ihre Bauchschmerzen ein. Julia staunte, als sie die beiden aus der Wohnung Hand in Hand dackeln sah. Beim Hinausgehen wollte sie ihm das Busgeld in die Hand drücken. Er lehnte ab.
Als Ricky dem Busfahrer das Geld für das Ticket hin und zurück auf den Ticketautomaten legte, wusste er, dass er Geld ausgab, für das er sich eine Flasche Ouzo hätte holen können. Er fluchte. Und Mia fragte: "Onkel Ricky, was hast du? Auch Bauchschmerzen?" Er nickte. "So in etwa." Er ließ sich auf dem Sitz hinter dem Fahrer plumpsen und Mia setzte sich wie selbstverständlich neben ihn. Er ärgerte sich die ganze Fahrt, bis Mia ihn anstupste, da sie aussteigen mussten.
Mit seinen Flip-Flops stolperte er die Stufen im Bus hinaus. Warum war er nur zu stolz, um das Busgeld von Julia anzunehmen? Was waren da für verschüttet geglaubte Gefühle?
Mia lief sehr langsam zu ihrem Klassenraum. Vor der Tür sagte sie Ricky, dass er auf sie warten sollte. Er ließ sich auf einer verwitterten Holzbank nieder. Er hatte nichts zum Lesen dabei. Da es ein sonniger Tag war, legte er sich auf die Bank hin, mit dem Gesicht genau in die Sonne. Er merkte, wie die Wärme ihm half zu entspannen. Er dachte über sein Leben nach. Heute war ein Tag, an dem er sich nach langer Zeit nützlich vorkam. Er lächelte vor sich hin.
Die Schulglocke schrillte ihn aus seiner Döserei. Mia lief auf ihn zu. Er setzte sich auf und sie nahm neben ihm Platz. Es sprudelte aus ihr heraus. "Die Lehrerin hat mich gelobt." Ricky merkte, wie stolz Mia war. Sie zeigte ihm ein Bild, auf dem er abgebildet war. Darunter stand "Mein lustiger Onkel Ricky". Dann erinerte er sich an den Auftrag von Julia. Mia sollte mit ihren Mitschülern wieder mehr spielen. Ricky kramte in seinem Gedächtnis. "Kennst du Räuber und Gendarm?" Mia schüttelte den Kopf. Er rieb sich die Schläfen. "Was ist mit Gummitwist?" Mia schüttelte wieder den Kopf. Ricky schnippte mit den Fingern. "Aber Schnitzeljagd ist was, oder?" Mia verneinte. Ricky fühlte sich auf einmal entmutigt, als ein anderes Mädchen mit zwei Mohrrüben zu ihnen kam. "Ich gehe die Pferde füttern, kommst du mit, Mia?" Mia sagte nichts und schüttelte den Kopf. Ricky stand auf und rief dem Mädchen hinterher. "Warte, ich möchte gerne die Pferde füttern." Und wie ein Schatten folgte ihm Mia.
Als sie am Pferdezaun angelangt waren, gab das Mädchen Ricky eine Mohrrübe und er gab sie weiter an Mia. Mit einem kleinen Anschubser schob er Mia neben das Mädchen und kitzelte Mia. Sie lachte. Das Mädchen sagte: "Willst du meine Freundin sein?" Ricky nickte, als würde es ihn betreffen. Das Mädchen drehte sich um. "Warum nickt dein lustiger Onkel?" Anscheinend hatte das Bild in der Klasse die Runde gemacht. Und ganz leise sprach Mia. "Der ist immer so. Da musst dir nichts dabei denken. Sagt Mama."
Und Ricky durchströmte großer Stolz. Er hatte einem kleinen Mädchen in Not geholfen. Und er hatte seinen Auftrag nicht nur erledigt, er war sich selbst ein Stück wieder näher gekommen.

Samstag, 26. November 2016

Schreibübung Nummer 18 - 20 Jahre später

Wie wird mein Leben in 20 Jahren aussehen? Oder suchen Sie sich eine Figur aus einem Ihrer Texte oder Ihrer Lieblingsgeschichte und fantasieren Sie über ihre Zukunft.

Harry Potter saß an einem dunklen Eichentisch. Er war müde, unsagbar müde und hatte keine Lust, weitere dreihundert Zauberbücher zu kontrollieren. Er dachte mit Wehmut an seine erste Zeit in Hogwarts. Er erinnerte sich an die Zeit, in der er abenteuerlustig auf seinem Nimbus Quidditch spielte. Der Flug war jedesmal ein Rausch. Und nun? Nun saß er zwanzig Jahre später im Zauberministerium und kontrollierte defekte Zauberbücher. Meist waren es immer wieder die gleichen Fehler. In 90 Prozent waren es Abschreibefehler. Es fehlten schlichtweg Buchstaben und heraus kamen die lustigsten Sachen. So wie in dem einen Fall, in dem der Expelliarmus-Spruch nur mit Expelliamus ausgesprochen wurde. Derjenige, auf den der Spruch angewandt wurde, verwandelte sich in einen blauen Elefanten. Daran soll man doch überhaupt nicht denken, dachte Harry. Aber die Sache war passiert. Sinnlos war dieses Kontrollieren nicht, aber ermüdend. Und Harry wollte kein Beamter sein. Okay, er hatte ein sicheres Einkommen und das war auch gut, denn er hatte fünf hungrige Mäuler zu stopfen und eine lebenslustige Gattin. Er lächelte, als er an Hermine dachte. Sie war es wert, hier zu sitzen. Aber spätestens an Sylvester würde er sich einen neuen Plan ausdenken. Er hatte vor, eine eigene Zauberschule zu gründen. Eine Bio-Zauberschule. Was für eine verwegene Idee, dachte er und blätterte im nächsten defekten Zauberbuch.

Samstag, 6. August 2016

Schreibübung Nummer 17 - Wonach lechzen Sie?

Schreiben Sie über etwas, nach dem Sie hungern. Beginnen Sie mit etwas Eßbarem, z.B. nach Schokolade, Eis. Dann gehen Sie dazu über, über etwas zu schreiben, was Ihre Leidenschaft ist. Woran hängt Ihr Herzblut?
Nein-Sagen ist im Leben ja so wichtig, hört man an allen Ecken im Universum. Nein zu Schokolade, nein zu Chips und ganz viel Nein zu Schokokeksen. Ja, die knusprigen mit den saftigen, weichen, auf der Zunge zart schmelzenden Milchschokoladestückchen. Und am meisten Nein zu einem kühlen Zitroneneis mit Basilikum, das so erfrischend ist, dass ich alles dafür liegen und stehen lassen würde. Sei hart zu dir selbst. Ist dies das große Ziel, nach dem wir alle streben? Oder sollte man dieser Schwäche nachgeben?
Meine allergrößte Schwäche ist dieses ständige Mitteilungsbedürfnis über meine Tastatur. Indianer benutzen die Trommeln, ich die Tasten. Zur Kommunikation natürlich. Bevor ich ins Bett gehe, habe ich nur ein bisschen was geschrieben. Nur schnell mal so eben. Ist doch nur ein kleines Stündchen. Und dann, wenn ich wieder aufstehe, kämme ich nicht als erstes die Haare, nein, erst muss meine Kommunikationsmaschine aktiviert werden.
Ob ich nach Erfolg lechze? Ich würde es nie zugeben, aber tief in mir drinnen bin ich ein Leistungskind. Aber Erfolg ist auch nur ein Wort mit...Moment, ich muss zählen...sechs Buchstaben. Und noch einen kleinen Moment...ich schicke das Wort mal durch die Anagramm-Maschine...Ergebnis ist Golfer. Ist es das, wonach mein Herz wirklich strebt? Ich lechze nach Golfer?

Wer selber mal die Anagramm-Maschine ausprobieren möchte, schaut bitte unter http://www.sibiller.de/anagramme/

Samstag, 27. Februar 2016

Schreibübung Nummer 16 - Von Sinn und Logik

Schreiben Sie Wenn-Dann-Sätze auf. Beziehen Sie sich auf Übung 15.
Wenn das Schwimmbad eine Fata Morgana ist, dann muss Martin weitersuchen und eventuell verdursten.
Wenn Martin früher einmal Pfadfinder war, weiß er unter Umständen wie er sich aus seinlicher misslichen Lage befreit.
Wenn Martin einem Beduinen begegnet, der ihm Wasser gibt, dann überlebt er.
Wenn Martin nur träumt, dann wacht er irgendwann auf.

Schreibübung Nummer 15 - Baron Münchhausen

Schreiben Sie Lügen auf.
Martins Gedanken schwirrten immer noch ums Wasser. Als er nun zum Horizont blickte, sah er ein großes Gebäude aus roten Backsteinen. Er beschleunigte seine Schritte. Er konnte es kaum fassen. Durch die großen Fenster sah er einen großen Swimmingpool. Es war ein Schwimmbad. Als er das Gebäude anfassen wollte, merkte er, es war eine Lüge der Wüste. Er war einer Fata Morgana erlegen.

Schreibübung Nummer 14 - Wasser

Schreiben Sie über Wasser - Leitungswasser, Meerwasser, Regen oder Eis - oder über eine Erfahrung oder einen Traum, der einerseits Ihre Phantasie durchnässt, andererseits aber auch entzündet hat.
Ich brauche Wasser, dachte Martin. Die Sonne brannte gnadenlos in der flirrenden Hitze. Die Sandhügel verschwammen langsam vor seinen Augen. Er hatte jegliches Gefühl für Zeit verloren. Wasser und immer wieder Wasser. Dieser Gedanke füllte seine Gedanken vollends aus. Er erinnerte sich daran, wie noch vor einer Stunde die letzten Wasserreste aus seiner Trinkflasche seine Kehle hinunterrannen und ihn beruhigten. Er erinnerte sich an das kühle Pilsbier, als er in Tripolis in der Kneipe saß. Er erinnerte sich an das schöne Gefühl, wenn Schneeflocken auf der Zunge schmelzen. Und er erinnerte sich an Eiswürfel in der Cola, als er am Bahnhof sich eine Cola geholt hatte. Wasser, egal in welcher Form, ist ein Lebenselixier. Er brauchte es dringend.